„Beistand, Trost und Hoffnung“. Ein Wort der katholischen, evangelischen und orthodoxen Kirche in Deutschland


Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

die gegenwärtigen Tage sind geprägt von der krisenhaften Gesamtsituation, die durch die
Verbreitung des Corona-Virus hervorgerufen wird. Das Bemühen, die Verbreitung dieser
Krankheit zu verlangsamen, führt zu drastischen Maßnahmen. Jede und jeder von uns ist
konkret betroffen.

Da wir dieses Bemühen selbstverständlich unterstützen und uns an die staatlichen Vorgaben
konsequent halten wollen, wurden auch gemeindliche Veranstaltungen abgesagt und
kirchliche Einrichtungen weitgehend geschlossen. Sie können sicher nachvollziehen, wie
schwer es uns gefallen ist, in diesen beunruhigenden Zeiten alle öffentlichen Gottesdienste
auszusetzen. Gerade in schweren Zeiten ist es für uns Christen eigentlich unabdingbar, die
Nähe Gottes zu suchen, indem wir uns zu gemeinsamen Gebeten und Gottesdiensten
versammeln.

Und doch ist dieser Verzicht notwendig, um die Pandemie so weit als irgend möglich
einzugrenzen, deren schwerwiegende Auswirkungen wir alle persönlich zu spüren
bekommen. Uns alle treffen die Einschränkungen. Manche sind selbst oder in ihrem Umfeld
von Erkrankung, schweren Krankheitsverläufen oder gar Tod betroffen. Viele sind aufgrund
des gesellschaftlichen Stillstands in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht und mit großen
Zukunftssorgen konfrontiert. Auch wenn die Gottesdienste derzeit nicht stattfinden können,
können Sie sich – das möchten wir Ihnen zusagen – unserer solidarischen Unterstützung,
unseres persönlichen Beistands und unseres Gebetes gewiss sein.

Wie alle unverschuldete Not, die über die menschliche Gemeinschaft kommt, so kennt auch
diese Krise keine Gerechtigkeit. Sie trifft die einen nur ganz am Rande, die anderen, oft genug
die Schwachen, aber mit aller Härte. Deshalb, aber auch wegen der notwendigen Isolation der
Menschen, sind das Füreinander-Dasein und die Solidarität in dieser Zeit so unabdingbar, um
das humane Angesicht unserer Gesellschaft nicht zu entstellen oder gar zu zerstören. Unser
großer Dank gilt allen im Gesundheitswesen, Ärztinnen und Ärzten, Krankenpflegerinnen und
Krankenpflegern und Freiwilligen, die oft bis zur Erschöpfung dafür sorgen, dass die
Erkrankten die bestmögliche Versorgung erhalten.

Gerade weil in diesen Tagen viele Grenzen und Barrieren zwischen Menschen errichtet
werden müssen, dürfen die Grenzen nicht in den Herzen hochgezogen werden. In einer solch
existenziellen Krise, in der auch die gesellschaftlichen Institutionen spürbar an ihre Grenzen
stoßen, kommt es auf jede und jeden Einzelnen an. Aber nicht, weil sich jeder dann selbst der
Nächste ist und jeder für sich allein kämpft, sondern weil jedes offene Ohr, jedes freundliche
Wort und jede helfende Hand besonders zählen und viel bedeuten. Es tut in der Seele gut zu
sehen, wie viel gelebte Humanität es angesichts dieser Krise in unserer Gesellschaft gibt! An
vielen Orten haben sich spontan Freiwillige bereit erklärt, Einkäufe für ältere oder kranke
Nachbarn zu erledigen oder Kinder zu betreuen, deren Eltern weiterhin ihrem Beruf
nachgehen müssen. Auch in unseren Gemeinden gibt es viele, die mit Telefongesprächen, EMails
und anderen Medien den sozialen Kontakt aufrechterhalten und die Gemeinschaft
stärken. Dazu gehören auch die vielen Gebetsgruppen, die sich über das Internet verabreden.

Die gegenwärtige Pandemie hat weltweite Ausmaße. Sie betrifft nicht nur uns, sondern auch
die Menschen in den Kriegsregionen des Nahen Ostens, insbesondere Syriens, und in den
Flüchtlingslagern. Da hier Schutzmaßnahmen weitgehend fehlen, ist ihr Risiko zu erkranken
sogar noch größer. Deshalb dürfen wir auch sie nicht aus dem Blick verlieren.

Als Christen sind wir der festen Überzeugung: Krankheit ist keine Strafe Gottes – weder für
Einzelne, noch für ganze Gesellschaften, Nationen, Kontinente oder gar die ganze
Menschheit. Krankheiten gehören zu unserer menschlichen Natur als verwundbare und
zerbrechliche Wesen. Dennoch können Krankheiten und Krisen sehr wohl den Glauben an die
Weisheit und Güte Gottes und auch an ihn selbst erschüttern. Krankheiten und Krisen stellen
uns Menschen vor Fragen, über die wir nicht leicht hinweggehen können. Auch wir Christen
sind mit diesen Fragen nach dem Sinn menschlichen Leids konfrontiert und haben keine
einfachen Antworten darauf. Die biblische Botschaft und der christliche Erlösungsglaube
sagen uns Menschen jedenfalls zu: Gott ist ein Freund des Lebens. Er liebt uns Menschen
und leidet mit uns. Gott will das Unheil nicht. Nicht das Unheil hat darum das letzte Wort,
sondern das Heil, das uns von Gott verheißen ist.

Wir Menschen sind verwundbar und verletzlich. Das wird uns in diesen Tagen schmerzhaft
bewusst. Deshalb ist es zutiefst menschlich, Verunsicherung und Angst zu spüren, wenn das
gesellschaftliche Leben zum Stillstand kommt, der Kontakt zu Freunden drastisch
eingeschränkt wird, alle Planungen von heute auf morgen durchkreuzt werden und wir nicht
wissen, was in den nächsten Wochen sich ereignen wird. Der auferstandene Christus, den wir
in einigen Tagen wieder feiern werden, ruft nach dem Zeugnis des Evangeliums den
Menschen in solcher Bedrängnis zu: „Fürchtet euch nicht!“ (Mt 28,5) Dieser Trost ermutigt
uns, angesichts der Not und der Angst nicht in Verzagtheit zu verharren, sondern Hoffnung
und Zuversicht zu schöpfen. Und Gott ist uns Menschen auch dann nahe, wenn wir nicht
selbstsicher und souverän sind, sondern unsicher tastend, suchend und fragend. Wer sich von
dieser Hoffnung leiten lässt, vermag anderen Beistand, Trost und Hoffnung zu spenden.
Wir Christen bereiten uns in der augenblicklichen Fasten- und Bußzeit auf das Osterfest vor.
Dabei weist ein Wort aus dem alttestamentlichen Buch Jesaja uns in aller Deutlichkeit darauf
hin, dass es nicht das rechte Fasten ist, „wenn man den Kopf hängen lässt wie ein Schilf“.
Dagegen ermutigt uns der Prophet, die „Fesseln des Unrechts zu lösen“ und uns den
Notleidenden zuzuwenden, und zeichnet eine Verheißung Gottes an den Horizont: „Dann
wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot und deine Heilung wird schnell gedeihen.“
(vgl. Jes 58,5–8)

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
all jenen, die unter den äußeren Umständen schwer zu leiden haben, wünschen wir in den
kommenden Tagen und Wochen alle Kraft und die nötige Hilfe. Denen, die erkranken und an
Krankheiten leiden, wünschen wir Linderung und, wenn möglich, baldige Genesung.
Diejenigen aber, die sterben, empfehlen wir der Güte und Barmherzigkeit Gottes. Er möge sie
aufnehmen in sein Leben.

In diesen Zeiten der Verunsicherung begleiten Sie alle unsere Gebete und Segenswünsche!
Bleiben Sie behütet an Leib und Seele. Gott segne Sie!

Bonn und Hannover, den 20. März 2020

Bischof Dr. Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
Landesbischof Dr. Heinrich-Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in
Deutschland (EKD)
Metropolit Augoustinos, Vorsitzender der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland